Eine Band zwischen allen Stühlen

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TTG im Interview

Das von uns geschätzte Punk-Fanzine ‘Inne Bütten’ hat dieser Tage ein Interview mit uns geführt und uns ganz groß gefietschert. Wir bedanken uns artig. Und zeigen es euch stolz. Hier isses.

TimTom Guerilla: Mainstream können wir nicht!
Kaum jemand kennt diese Band bisher, aber das könnte sich bald ändern. TimTom Guerilla fegen durch die kleineren Alternativ-Clubs mit wütendem Punk und einer Mischung aus endloser Coolness und völliger Naivität. Wir haben die Band in Solms gesehen und sie nach dem Konzert im Backstagebereich in gelöster bis zynischer Stimmung angetroffen.
IB: Ihr geht live ja gut ab.
TimTom: Tja, es macht halt Spaß, unsere Songs zu spielen.
IB: Respekt, die Leute haben echt getobt. War das heute abend ein typisches Konzert für euch?
TimTom: Ja, nur dass statt 75 Zuschauern meistens eher 30 bis 50 da sind (Hannibal lacht im Hintergrund).
IB: Ihr arbeitet gerade an eurer ersten EP ‚Zwischen allen Stühlen’. Die ersten drei Songs gibt es schon als kostenlose Downloads im Internet. Warum verschenkt ihr eure Musik?
(Hannibal: Weil sie sonst keiner haben will! Foo und BoingBoing lachen im Hintergrund)
TimTom: Wenn du als Künstler gerade erst anfängst, ist doch klar, dass keiner dich hören will, geschweige denn Geld für deine Musik bezahlen will. Wir wollen den Leuten erst mal zeigen: Hey, das hier ist gute Musik. Wieso gibst du uns nicht mal ne kleine Chance? Hol dir die Songs und hör sie dir an. Und wer weiß, vielleicht findet der eine oder andere unsere Sachen gar nicht so schlecht.
IB: Gar nicht so schlecht ist leicht untertrieben. Bei uns in der Redaktion nicken alle mit, wenn wir eure Songs laut aufdrehen. Unter der schreibenden Zunft seid ihr der nächste Geheimtipp.
TimTom: Das ist nett. Aber wir kämpfen mit diesem Geheimtipp-Ding so bisschen. Es wäre schön, wenn mehr Leute unsere Musik entdecken würden. Wir können halt nicht Mainstream.
IB: Ihr seid also nicht die zweiten Green Day?
(Timtom, Hannibal und BoingBoing machen gleichzeitig Kotz- und Würggeräusche, Foo rührt sich nicht.) TimTom: Nein, wir posen nicht.
Hannibal: Zwischen dem, was Green Day machen und was wir machen gibts doch deutliche Unterschiede!
IB: Apropos deutlich: Ihr habt recht deutliche Texte. Stimmt das, dass das BKA bei euch vor der Tür stand?
TimTom: Bei mir vor der Tür. Ja stimmt. Sie hatten irgendwie bei einer online-Durchsuchung das Wort ‚Amoklauf’ auf meinem Rechner gefunden … Keine Ahnung. Jedenfalls war mein Rechner weg. Und irgendwann dann auch meine Wohnung, weil meine Vermieterin dachte, dass ich ein Terrorist bin oder ein Mörder …
(alle lachen)
IB: Worum geht es denn überhaupt in dem Song (Anmerkung: Ballade vom Amoklauf)?
TimTom: Es geht um einen Menschen, der von den Behörden oder dem Staat total willkürlich und ungerecht behandelt wird, und um die Gefühle, die er dann so hat.
IB: Würdest du wirklich jemanden mit Handgranaten oder Bomben angreifen?
TimTom: Nein, natürlich nicht. Aber kennst du das nicht auch, dass man manchmal so Hassfantasien hat? Wenn man ungerecht behandelt wird oder so? Ich hab mal erlebt, wie ein Freund, der querschnittsgelähmt ist, beim sozialamt Hilfen beantragt hat, der wollte ein Auto für Querschnittsgelähmte bezahlt haben. Und die haben ihm ernsthaft gesagt, er soll doch lieber Bus fahren. Die haben ihn behandelt wie in kleines Kind, dabei ist bei ihm nicht der Kopf kaputt, sondern die Beine!
IB: Wen meinst du, wenn du singst ‚Du bist ein Arschloch’?
TimTom: Jeden. (alle lachen) Nee, weiß ich nicht. Ich war irgendwie grundsätzlich wütend, als das Lied entstand. Auf niemanden Besonderes. Das Lied ist so ne Art Ventil, da kann man es mal rauslassen. Es gibt ja viele Gelegenheiten, wo man einem sagen möchte oder sollte: du Arschloch!
IB: TimTom Guerilla, danke für das Gespräch.
Das Gespräch führte Nils Holgersson.

Der brennende Bassist

Am vergangenen Freitag waren wir endlich mal wieder auf der Bühne aktiv, und zwar im Kulturzentrum Halligalli, in der Stresemannstraße in Weiden. Leider ging es auch diesmal nicht ohne einen Eklat ab. Und das kam so:

TTG war zu einem Alternative Music Festival eingeladen worden. Zusammen mit anderen Bands aus dem alternativen und härteren Bereich durften wir zum zehnjährigen Jubiläum des Kulturzentrums auftreten. Headliner waren am späten Abend Therapy? aus Nordirland, eine unserer absoluten Lieblingsbands. Von daher war dieser Gig eine Ehre für uns und ein Ereignis, auf das wir uns richtig freuten. Als eher unbekannte Band spielten wir nachmittags um 5, direkt nach einer Gothic Band aus der Schweiz. Die Schweizer waren schon von Anfang an ziemlich angepisst, weil sie wohl größere Bühnen und bessere Zeiten gewohnt sind. Mir persönlich waren sie bis dahin völlig unbekannt.

Die Probleme begannen, als sie einen ihrer anscheinend bekannteren Songs spielten (ich glaube: ‚Wer ficken will, muss räudig sein’ oder so einen Scheiß). Jedenfalls hatten die Verantalter eine neue Pyrotechnikanlage, auf die sie ziemlich stolz waren. Während des Gitarrensolos schossen sie unvermittelt eine Art Feuerstoß vom Bühnenboden Richtung Decke ab. Blöd nur, dass der Gitarrist gerade breitbeinig über der Anlage stand. Die Ladung blies ihm fast den Arsch weg. Er schrie auf und verkackte sein Solo natürlich völlig. Irgendwie schaffte die Band es, ihr Set zuende zu spielen, auch wenn ich das Gefühl habe, dass sie normalerweise länger als 30 Minuten spielen. Später in der Umkleidekabine (die die Veranstalter großspurig Backstage nannten, was für ein Witz!) kotzen die Schweizer richtig ab. Man musste sie nicht verstehen, um zu merken, dass sie irgendwie sauer waren. Während die Gothics das eine oder andere Frustbier kippten, hatten BoingBoing, Foo, Hannibal und ich mächtig Spaß. Wir fanden das alles sehr witzig. Doch das sollte sich bald ändern.

Nach einer kurzen Pause enterten wir die Bühne und versuchten in der halbleeren Location so viel Stimmung zu machen, wie es eben ging. Dafür, dass uns niemand kannte, gingen die Leute recht gut mit. Unser Opener ‚Arschloch’ rockte ordentlich, und einige gröhlten sogar den Refrain mit. Alles lief gut, bis zu meinem Posaunensolo bei ‚Klugscheißer’: Den Jungs von der Technik schien an dieser Stelle zu wenig zu passieren, jedenfalls fanden sie, es sei an der Zeit, mal wieder ihre tolle Pyrotechnik abzufeuern. Gerade als ich mir die Seele aus dem Leib blies und Hannibal und BoingBoing uns wuchtig nach vorne trieben, schoss die verdammte Feuerfontäne in die Höhe. Diesmal traf es Hannibal.

Für einen Moment sah er aus, wie die wandelnde Feuersäule aus der Bibel. Nur Sekundenbruchteile später war er in beißenden Rauch gehüllt, während in seinem Haar und an seinem Hosenbein kleine Feuerflammen züngelten. Hannibal schrie wie am Spieß, warf seinen Bass von sich und rollte über den Boden. Gemeinsam versuchten wir, den brüllenden Bassisten zu löschen. Das gelang ziemlich schnell. Abgesehen von kleineren Brandwunden, war nur seine Frisur im Arsch. Das Feuer hatte seinen Hinterkopf sauber rasiert. Jetzt aber stand Hannibal erst richtig in Flammen. Vor Wut. „Ihr bekackten Vollidioten, ihr Wichser, ihr dämlichen Pissköpfe, wollt ihr mich umbringen oder was?“ Mit diesen Worten sprang Hannibel von der Bühne und raste nach hinten auf die Leute von der Technik zu. Ich hatte ihn noch festhalten wollen, aber Hannibal war nicht mehr Hannibal, sondern der Berserker schlechthin. Ich glaube nicht, dass er in diesem Augenblick noch seinen Namen buchstabieren konnte.

Mit zwei, drei großen Sprüngen hatte er die Techniker erreicht, hechtete über das Pult und packte den Lichtmann an der Gurgel. Von der Bühne aus sah ich beide hinter den Amaturen verschwinden. Prompt standen die Security-Leute auf der Matte. Der eine Riese packte seine MacLight aus und drosch ohne lange zu zögern, auf Hannibal, Lichtmensch und wer-weiß-wen-noch-alles ein. BoingBoing, Foo und mir war völlig klar, was wir zu tun hatten. So schnell wir konnten, rannten wir nach hinten. Ich bekam als Begrüßung einen Schlag aufs Maul, aber BoingBoing war cleverer als ich, pendelte den zweiten Schlag des Hünen aus und trat ihm in die Eier. Ich finde das okay, schließlich hat er nur einen Arm. Foo hatte glücklicherweise eine leere Beck’s-Flasche gefunden und setzte sie sehr geschickt als Totschläger ein. Da stießen auch schon die frustrierten und mittlerweile völlig besoffenen Schweizer zu uns, und ließen ihrer Enttäuschung freien Lauf.

Die Nacht in der Ausnüchterungszelle ging eigentlich recht schnell vorbei. Auch wenn ich die Musik der Schweizer nicht mochte, als Zellengenossen waren sie ganz unterhaltsam. Schade ist, dass der Veranstalter einiges von unserem Equipment einbehalten hat, bis wir den entstandenen Sachschaden bezahlt haben. Da niemand von uns Kohle hat, werden wir unsere Sachen wohl nie wieder sehen. Naja, wenigstens haben sie ordentlich auf die Fresse gekriegt. Nur, dass wir am Abend nicht Therapy? sehen konnten, ärgert mich so richtig.

Probleme mit dem BKA

Unglaublich! Während unserer Studio-Sessions in Hamburg war das BKA bei mir zu Hause. Ihre bots,  oder was für Such- und Spionageprogramme sie benutzen, haben auf unserer Seite verdächtige Wörter entdeckt: Molotowcocktail, Bombe, Handgranate und Amoklauf. Tja, was soll ich sagen. Natürlich haben sie das! Denn schließlich kommen all diese Wörter in dem Songtext von ‘Bis die Fetzen fliegen’ vor. Der Untertitel ist ja auch: ‘Die Ballade vom Amoklauf’.

Als ich aus Hamburg zurück kam, war meine gute Laune ziemlich schnell im Arsch. Das BKA war in meiner Wohnung gewesen und hatte den Computer mitgenommen, und meine Vermieterin, die den Bullen die Tür aufgemacht hatte, hielt mich für einen Verbrecher oder gestörten Gewalttäter (was sie immer noch tut). Sie hatte bisher keine Ahnung, dass ich der Sänger einer Band bin. Und auch der Bandname TimTom Guerilla schmälerte ihrer Befürchtungen nicht gerade. Herr Tengelmann, sagte sie immer wieder, unter diesen Umständen können sie hier unmöglich wohnen bleiben, bitte haben sie Verständnis, wenn das die anderen Mieter erfahren usw. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich kein Krimineller, sondern ein Künstler bin, und dass die Texte weder meinen eigenen Amoklauf ankündigen, noch dazu ermuntern sollen. Aber für die Vermieterin bedeuten die Begriffe ‘Künstler’ und ‘Verbrecher’ anscheinend dasselbe. Selbst als ich ihr zwei Tage später Blumen und eine Schachtel Pralinen vorbeibrachte und mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigte, konnte sie sich nicht beruhigen. Sie nahm beim Öffnen der Tür die Sicherheitskette nicht ab, und erst als ich sagte, dass ich beleidigt sei, wenn sie meine Geschenke nicht annehme, durfte ich Blumen und Pralinen durch den engen Spalt durchquetschen. Wahrscheinlich dachte sie, ich würde andernfalls mit einem Molotowcocktail wiederkommen. So wie es aussieht, brauche ich ne neue Wohnung.  Hat jemand zufällig einen Tipp für eine Einzimmerwohnung im Raum Frankfurt?

Diese Zeilen schreibe ich übrigens auf einem geliehenen Notebook. Das BKA rückt meinen Rechner nicht raus. Mittlerweile durfte ich ihnen schon geschlagene drei Stunden am Stück erklären, dass ich kein Terrorist bin. Im Gegensatz zu meiner Vermieterin glauben sie mir das auch. Aber  den PC bekomme ich trotzdem nicht wieder. Ich war schon sechsmal da. Keine Ahnung warum. Toll!

Eine vorweihnachtliche Überraschung

Bulli-Panne

Frohes neues Jahr! Weihnachten und Sylvester liegen hinter uns. Ich hoffe, eure Feiereien waren angenehm. Ich persönlich habe meine Mutter in Bonn besucht. Sie hatte mir versprochen, an den Feiertagen nicht zu arbeiten. Und es ist uns gelungen, nicht über ihren Job zu sprechen. Danke, Mami! Deine Freier werden es verkraftet haben.

Was ich eigentlich erzählen wollte, ist das vorweihnachtliche Abenteuer, das Hannibal, BoingBoing und ich erlebt haben. BoingBoing und ich hatten Foo in Darmstadt besucht. Er wohnt den Winter über im Keller des Pfarramtes im Heimstättenweg. Wir drei bauten unsere Instrumente dort so gut es ging auf und arbeiteten an den Songs. BoingBoing hatte noch zu Hause ein paar Loops eingespielt, um die Nachbarn nicht zu heftig zu beschallen (sein Schlagzeug hätte im Keller sowieso keinen Platz gehabt). Die Songs werden geil, freut euch drauf. Später stieß Hannibal noch dazu.

Nach getaner Arbeit stiegen Hannibal, BoingBoing und ich in unseren alten Band-Bulli. BoingBoing wollte vom Frankfurter Hauptbahnhof aus wieder in den Norden und Hannibal zurück nach Friedberg. Zwischen Darmstadt und Frankfurt auf der A5 auf der Höhe von Walldorf passierte es: Bei einem Huppel setzte der alte Bulli kurz auf. Als wir das Kratzen des Blechs auf dem Asphalt und den Funkenregen sahen, der über die Frontscheibe sprühte, mussten wir noch lachen. Bald aber blieb uns das Lachen im Hals stecken. Die wenige Power, die der Motor ohnehin nur noch hatte, verpuffte endgültig. Jedesmal, wenn ich aufs Gaspedal trat, machte es nur noch wupp-wo-wupp-wupp-wo-wo-wo-wupp oder so. Der Bulli kam schließlich auf dem Pannenstreifen zum Stehen. Und das bei der Arschkälte (draußen waren es an die dreizehn Grad minus!).

Wir drei Nixblicker standen ratlos vor der geöffneten Motorhaube und guckten doof. Fehlt da nich was? meinte Hannibal schließlich. BoingBoing und ich guckten noch blöder. Ja, n Schlauch, fand BoingBoing. Wo isser denn? fragte ich. Da isser ja, meinte Hannibal. Ach, kuck, sagte BoingBoing. Da is ne Schraube locker, bemerkte ich. Is wohl abgeplatzt, überlegte BoingBoing. Können wa ja wieder ranmachen, fand Hannibal. Gute Idee, sagte ich. Haste Werkzeug an Bord? fragte BoingBoing. Ich überlegte kurz. Aber nur, um ein bisschen anzugeben. Natürlich hatte ich kein Werkzeug an Bord! N-n-nö, sagte ich dann. Wir brauchen aber einen Schraubenzieher, um die Schraube wieder festzudrehen, motzte BoingBoing. Ich hab halt keinen! schnauzte ich zurück. Haste nich was anderes? fragte Hannibal beschwichtigend. Ne Gabel? N Messer? Irgendwas? N Löffel, sagte ich nach einigem Überlegen. N Teelöffel, müsste irgendwo im Bulli rumfliegen. Ach ja, sagte Hannibal, den hab ich schon gefunden. Der steckte plötzlich in meinem Arsch, als wir über den Huppel gefahren sind. Lag auf dem Beifahrersitz.

Damit zog Hannibal einen joghurtverschmierten Löffel aus der Hosentasche, steckte den Schlauch wieder dahin, wo er hingehörte und zog die Schraube mit dem Teelöffel fest. Fuchs wird man nicht, Fuchs is man, näselte BoingBoing hanseatisch. Dann stiegen wir alle in den Bulli und fuhren pannenfrei weiter nach Frankfurt. Schwein gehabt.

Wir wünschen euch, dass das kommende Jahr pannenfrei oder wenigstens ähnlich glimpflich verläuft, wie unser kleines Abenteuer. Stay tuned. Die Lieder sind in der Mache. Das Warten lohnt sich!

Wie der Name Timtom Guerilla entstand und TimTom Frau Czuk töten wollte, erster Teil

(Die Entstehungsgeschichte zum Song ‘Bis die Fetzen fliegen’)

Es war an einem schönen Tag im April, als der fünfjährige TimTom verdutzt Beaudelaires Fleurs du Mal aus der Hand legte, weil auf einmal Frau Czuk in der Tür seines Kinderzimmers stand. Als sie ihre Zähne zu einem Lächeln entblößte, lief es dem Jungen eiskalt über den Rücken. Hallo Timotheus, raspelte Frau Czuks Altfrauenstimme. Und so fing alles an.

TimToms Mutter hatte so gut wie keine Zeit für ihren Sohn. Wenn sie nicht als Prostituierte arbeitete, schrieb sie unter dem Pseudonym Brooke Magnanti ein Blog, in dem sie sich als Kassiererin einer bekannten Supermarktkette ausgab und allerlei pikante Details verriet. Dabei traf sie mit ihren Geschichten derart ins Schwarze, dass die Chefetagen der Discounter Lidl, Schlecker und Kaiser’s ganze Heerscharen von Detektiven auf sie hetzten, um ihre wahre Identität zu entdecken – jedoch ohne Erfolg.

Während seine Mutter nachts die Männer und tags ihre Leser beglückte, blieb TimTom sich selbst überlassen. Die Tage verbrachte er daher in seinem Zimmer, ernährte sich von Cola und Flips und las Gedichte. Mit fünf Jahren hatte er eine ausgesprägte Vorliebe für die französischen Symbolisten entwickelt, Mallarmé liebte er, Rimbaud verehrte er abgöttisch. Den Rilke kannte er bereits mit vier Jahren auswendig und würdigte ihn keines Blickes mehr.

Ungefähr in dieser Zeit flatterte ein Bescheid des Schulamtes ins Haus. TimTom sollte beim Gesundheitsamt für einen Schuleignungstest vorstellig werden. Das verwirrte den Jungen nicht wenig. Bisher hatte sich die Welt da draußen einen Dreck um ihn gekümmert, einen Kindergarten hatte er nie besucht, selten hatte er andere Menschen als seine Mutter zu Gesicht bekommen. Nun auf einmal interessierte man sich dafür, ob er in der Lage sei, eine Schule zu besuchen. Das war beängstigend. TimTom wollte nicht, dass sich irgendetwas an seinem Leben änderte.

Trotz aller Proteste schleppte TimToms Mutter das übergewichtige Kind zur Amtsärztin. Was für dämliche Fragen sie stellte! Ob er den Piepston hier hören könnte, ob er ihn da hören könnte, ob er einen Baum malen könnte, ob er wisse, wie alt er sei, ob er zeigen könne, wo seine Nase sei, welche Farbe der Stift hätte usw. TimTom fühlte sich verarscht. Erst wollte er der grinsenden Frau Beaudelaires unvergessliche Worte um die Ohren hauen: J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans. Aber dann besann er sich eines Besseren und schwieg. Er reagierte auf keine Frage, er zeigte keine Regung. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine Fliege an der Wand, so sehr, dass ihm einer feiner Speichelfaden aus dem Mund tropfte.

Die Amtsärztin schaute TimToms Mutter schließlich bedauernd an und schüttelte den Kopf. Es wurden Worte gewechselt, die TimTom nicht verstand, weil er nicht zuhörte. Dann verließen sie die Behörde. TimToms Mutter schluchzte leise. Aber er war froh. Endlich würde er sich wieder seinen Büchern widmen können.

So kam es, dass eines schönen und schrecklichen Tages die sonderpädagogische Gutachterin Frau Czuk lächelnd in der Tür von TimToms Zimmer stand und nur ein Ziel hatte: nachzuweisen, dass TimTom geistig behindert sei und daher die Förderschule für geistig behinderte Kinder besuchen müsste. Hallo Timotheus, raspelte Frau Czuks Altfrauenstimme. Und so fing alles an.

(Fortsetzung folgt)

Jingalongdingding

Die Adventszeit ist da, und das erinnert mich an das vergangene Jahr, als wir Anfang Dezember einen Auftritt bei einem Jugendgottesdienst irgendwo im Westerwald hatten. Der Jugendgottesdienst sollte den Gläubigen und Ungläubigen den Glauben an die Bibel näher bringen. Wahrscheinlich deshalb hatte sich das Planer-Team diesen unglaublich jugendnahen Namen für ihre Feierlichkeit ausgedacht: Jingalongdingding – Jesus, shake my thing. Foo und Hannibal machten die ganze Hinfahrt über Witze darüber, welches Ding Jesus denn wohl shaken sollte. (In einem Telefonat hatte einer der Veranstalter mir gesagt, dass das Ding für das Leben im allgemeinen und besondere Themen im Besonderen stehen würde. Er hatte dafür andere Wörter benutzt, die irgendwie spiritueller klangen, aber das ist das, woran ich mich so einigermaßen erinnern kann).

Auf diese Weise wurden wir Teil eines Adventsgottesdienstes für Jugendliche. Der Moderator trug die ganze Zeit über eine rote Plastik-Nase, die permanent blinkte. Ich fand es ungewöhnlich, dass er die Nase noch nicht einmal zum Gebet abnahm, aber ich denke, daran zeigt sich der volle Einsatz solcher kirchlichen Jugendbeauftragten. Leider viel es nicht ganz leicht, ihn ernst zu nehmen.

Blöd war, dass die Veranstalter sich vorher nicht unsere Texte angesehen hatten. Möglicherweise wussten sie auch nicht, wie unsere Musik klang. Jedenfalls standen sowohl die Veranstalter wie auch die Jugendlichen regungslos wie Tannenbäume bei Windstille vor der Bühne und gafften uns an, während wir uns so adventlich wie es eben ging den Arsch abrockten. Habe ich Arsch gesagt? Mit diesem Wort kamen die frommen Menschen wohl überhaupt nicht klar, jedenfalls drehten sie uns während des dritten Liedes den Saft ab. Da platzte Foo der Kragen. Er hatte sich eine schöne Adventsüberraschung vor allem für die Mädchen überlegt und sich im Stil der Red Hot Chili Peppers eine sockengroße Weihnachtsmannmütze über den Schniedel gezogen. Bei dem Höhepunkt unseres Gigs hatte er sich eigentlich die Hose ausziehen wollen und dann, nur mit einer Schniedelmütze bekleidet, ein herrliches Solo abziehen wollen. Jetzt, mitten in die Stille hinein, riss er sich die Jeans vom Leib, präsentierte die Schniedelmütze und brüllte: Jesus, shake my Ding, ja? Ich zeig dir gleich mal, welches Ding euer Jesus shaken kann. Er wollte eigentlich noch mehr sagen, aber da stürmten schon zwei schwarzgekleidete Mitarbeiter auf die Bühne, den Hosenbund bis unter die Achseln gezogen und mit klimpernden Schlüsselbünden am Gürtel stürzten sie sich auf Foo und rissen ihm versehentlich die Mütze runter. Genau das hatten sie wohl vermeiden wollen.

Wir fuhren ohne Gage und Benzingeld wieder nach Hause. Den Namen des Jugendgottesdienstes sollen die Organisatoren übrigens inzwischen geändert haben.

Ticker

Mittlerweile geht es Hannibal wieder besser. Wer will, kann ihm gerne eine kleine Email schreiben und ihm gute Besserung wünschen. Schreibt an timtom.guerilla(at)gmx.de.

Was gibt es sonst noch Neues? TimTom freut sich auf einen Besuch bei Foo in Darmstadt. Die beiden werden im Dezember an den neuen Songs arbeiten und sie für die gemeinsame Session im Januar vorbereiten. Aber bis es soweit ist, fließt noch ein wenig Wasser den Rhein hinab.

Bleibt dran, wir informieren euch weiter über die Arbeiten an unserer zukünftigen EP „Zwischen allen Stühlen“.

Schöne Woche!

TTG

 

Hannibal hat Schweinegrippe

Schweinerei. Hannibal hat die Schweinegrippe. Am vergangenen Wochenende verunsicherte er die Besucher eines Gospel-Konzertes dadurch, dass er während des Gigs anfing, kräftig mit den Knien zu schlottern. Zunächst schaffte er es, es so aussehen zu lassen, als würde er heftig mitgrooven. Schließlich wurden die Schüttelfrostattacken aber zu stark. Die Band (nicht TTG!) hörte schließlich auf zu spielen, als Hannibal vornüber auf sein Gesicht fiel. Einige der Chormitglieder dachten erst, es sei der Heilige Geist. Aber ein herbeigerufener Arzt stellte hohes Fieber fest. Hannibal hielt ihn für seine Mutter und dann für einen Stammesgegner. Jedenfalls kommt auf unseren wackeren Bassisten noch eine Schmerzensgeldforderung zu. Hannibal geht es mittlerweile deutlich besser, er hat nur noch 40 Grad Fieber und trinkt bereits wieder sein tägliches Pils um 13 Uhr. Gute Besserung!

Wie BoingBoing seinen Arm verlor

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Es war an einem dieser herrlichen Frühlingstage, für die Minnesota so bekannt ist. BoingBoings Familie feierte das erste BBQ des Jahres, und alle waren sie da: sogar Großtante Ellen, Onkel Herbert und die Kusinen aus Seattle. Der zweijährige BoingBoing, der damals noch anders hieß, spielte vor der Garageneinfahrt seines Großvaters Fussball, oder was man bei einem Zweijährigen so Fussball nennen kann. Sein großer Bruder Danny jedenfalls machte sich über die tolpatschigen Bewegungen des Kleinkindes lustig. Er schnappte sich den Ball und dribbelte, begleitet von dem wütenden Geplärre des kleinen BoingBoing, um den Bruder herum. Schließlich schloss er sein Dribbling mit einem fulminanten Schuss in die offenstehende Garage ab. „Tor!“ brüllte Danny, während BoingBoing vor Wut kreischte. Doch Danny ließ es nicht bei dieser kleinen Boshaftigkeit bewenden. Er setzte noch eins oben drauf, als er schnell zur Garage lief und den elektrischen Schalter an der Innenwand der Garage betätigte, worauf sich das Tor von selbst zu schließen begann.

Außer sich vor Zorn watschelte der kleine BoingBoing auf die sich schließende Garage zu, und Danny erkannte zu spät, was sein Bruder beabsichtigte. Kurz bevor sich das Tor endgültig mit einem Donnern schloss, steckte BoingBoing seinen Arm in den Spalt zwischen Mauer und Tor, um auf den ohnehin viel zu hohen Schalter zu drücken, der das Tor wieder öffnen sollte. Danny blieb der Schrei im Hals stecken. Tante Ellen, die zufällig Augenzeugin des Geschehens wurde, wurde kreidebleich und fiel in Ohnmacht. Es knirschte, als das Tor BoingsBoings kleinen fetten Arm einquetschte und sich dann fest schloss. BoingBoings Kreischen hallte durch die ganze Siedlung. Die bestürzt herbeieilende Familie brach in lautes Geheule und Wehgeklage aus. Großvater rannte so schnell ihn seine alten Beine trugen ins Haus, um die Fernbedienung zu suchen, die das Tor wieder öffnen sollte. Er kam nicht weit. Vor Aufregung erlitt er einen Schlaganfall und brach auf der Schwelle der Haustür zusammen. Er sollte nie wieder sprechen können. Danny, wild vor Schuldgefühlen und Angst um seinen Bruder, bearbeitete mit einer Harke das Garagentor und hätte dabei um ein Haar Tante Ellen enthauptet, die wieder zu sich gekommen war. Schließlich verstummte der Tumult. Wie von Geisterhand öffnete sich das Tor wieder. Und dort, im Licht der untergehenden Sonne, stand Großmutter in der Garage bleich wie ein Gespenst, die eine Hand am Schalter, in der anderen den abgetrennten Arm BoingBoings. Sie war durch die Küche und von dort in das Innere der Garage geeilt. So tough war BoingBoings Oma.

Der inzwischen bewusstlose BoingBoing wurde durch eine Notoperation gerettet. Was mit Danny geschah und warum er jetzt in Rejkjavik lebt, erzähle ich bei anderer Gelegenheit. BoingBoings Eltern jedoch waren froh, Minnesota bei der nächstbesten Gelegenheit hinter sich lassen zu können. Auch diese Episode soll ein anderes Mal erzählt werden.

Das ist die Geschichte, wie BoingBoing seinen Arm verlor. So hat er sie mir jedenfalls erzählt. Und warum sollte er gelogen haben?

TimTom